Ein bisschen Empathie schadet nie… oder… Heute schon den Hund gewürgt?

Was ist besser, Halsband oder Brustgeschirr?

Haben Sie sich überhaupt schon einmal ernsthaft Gedanken darüber gemacht? Oder denken Sie gar nicht darüber nach, schließlich „verlangen“ viele Hundeschulen und Trainer ja Halsbänder. Früher gab es doch auch keine Brustgeschirre. Halsbänder sind auch viel praktischer, schneller angezogen, kostengünstiger und außerdem, wie schaut das aus, ein stattlicher Dobermann mit so einem „Weichei“- Brustgeschirr. Ein Kettenhalsband wirkt doch viel authentischer.

Mag sein. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. 

Aber, abgesehen von der Ästhetik, was ist nun „besser“?

Ich gebe einmal folgendes zu bedenken: Für uns ist es selbstverständlich, dass wir uns den Sicherheitsgurt vom Auto nicht um den Hals schnallen, sondern um die Brust. Oder haben Sie schon einmal darüber nachgedacht ob es nicht schicker aussieht, wenn man nur den Hals in der Schlinge hat?

Das, was wir den Hunden anziehen, ist ja genau das. Ein Sicherheitsgurt. Und kein Lenkrad. Auch kein Erziehungsmittel. Es soll den Hund nur davon abhalten sich in eine Gefahr zu begeben. Wenn wir Babys in Kinderwägen absichern, wollen wir ja auch verhindern, dass sie rausfallen, und ihnen nicht beibringen ruhig im Kinderwagen zu sitzen…. hoffe ich zumindest.

Also…bei der Frage, was denn nun besser ist, sollte man sich vor allem fragen: für wen?!

Mögen Sie Ihren Hund? Wollen Sie ihm keinen Schmerz zufügen und seiner Gesundheit nicht schaden? Dann ist die Frage womöglich schon beantwortet.

Versetzen Sie sich einmal in die Lage Ihres Hundes. Wenn ich Sie fragen würde, womit Sie denn lieber geführt würden, was würden Sie dann antworten? Also für mich ist klar wofür ich mich entscheiden würde. Ich möchte kein Band um meinen Hals, das mich bei jedem falschen Schritt schmerzt, würgt, erschreckt. Ich möchte nicht bei jedem Spaziergang aufpassen müssen, dass ich keinen falschen Schritt mache. Was würde dadurch mit meiner Lebensfreude passieren? Mit meiner Neugier, meiner Freude neues zu entdecken, mit meiner Freude auf andere zu zugehen. Und wie wäre mein Verhältnis zu demjenigen, der mich damit durchs Leben führt? Wahrscheinlich will er mir gar nichts Böses antun.

So wie Sie Ihrem Hund sicher nichts Böses antun wollen.

Aber Hunde sind nun mal neugierig, sie wollen die Welt erkunden, Gerüche entdecken, Blätter fangen, Freunde begrüßen, interessante Dinge genauer anschauen. Das ist ganz normal. Auch wenn wir es nicht verstehen. Hunde verstehen übrigens auch nicht, warum wir in Auslagen reinschauen müssen oder in unser Handy oder warum wir bei rot stehen bleiben.

Was ich sagen möchte, es ist doch ganz natürlich, dass Hunde manchmal an der Leine ziehen, weil sie unbedingt wohin wollen. Auch wenn sie schon gelernt haben an lockerer Leine zu gehen. Das hat nichts mit Ungehorsam zu tun, sondern mit Neugierde und Freude. Wenn sie dann jedes Mal Schmerz erfahren, was lernen diese Hunde dann? Neugierde und Freude kann Schmerzen verursachen, Halsband ist doof, Leine ist doof, der Mensch am anderen Ende der Leine ist anscheinend auch nicht mein bester Freund……?!? Man weiß es nicht so genau was sie denken, aber was sie ganz sicher nicht lernen ist, dass der Spaziergang mit ihren Menschen pure Freude bedeutet. Denn sie wissen, wann es wieder weh tun wird.

Können Sie sich vorstellen wie das ist, wenn man ständig aufpassen muss was man tut, wenn man sich ständig zurücknehmen muss um Schmerzen zu vermeiden? Können Sie? Dann ist Ihnen sicher auch klar, dass es Ihrem Hund genauso geht, wenn er am Halsband geführt wird.

Moooooment, nicht genauso. Er ist ein Hund. Hunde denken nicht so logisch wie wir. Dazu haben sie in ihrer Großhirnrinde zu wenig Möglichkeiten. Sonst würden sie ja menschlich denken. Tun sie nicht, sie fühlen aber wie wir. Es tut ihnen genauso weh, sie erschrecken genauso wie wir, aber oft finden sie den Zusammenhang nicht. Sie ziehen dann noch mehr um aus dieser blöden Situation heraus zu kommen. Das glauben Sie nicht, dass Hunde das nicht „checken“, dass sie nur aufhören müssen zu ziehen um dem Schmerz zu entkommen? Tatsächlich haben sie nicht die Möglichkeit diese logischen Schlüsse zu ziehen, die wir ihnen immer zutrauen. Aber das jetzt näher zu erklären würde den Rahmen hier sprengen.

Die so häufig hervorgekramte Aussage: „Wenn es ihm unangenehm ist, dann soll er nicht so ziehen“ ist somit an sich schon entkräftet, aber auch wenn Sie mir die Tatsache mit der weniger gut ausgestatteten Großhirnrinde des Hundes nicht glauben, dann stellen Sie sich wenigstens vor wie schwer es schon für uns Menschen ist, sich beim Spazierengehen immer am anderen zu orientieren, und wir gehören derselben Spezies an!

Ein häufiges Argument, warum Halsbänder den Hunden nichts ausmachen, ist, dass Hunde ja sowieso ein „Gnack (=Genick) wie ein Stier“ haben. (Das hat mir einmal ein Hundetrainer gesagt um seinen wirklich heftigen Leinenruck zu rechtfertigen.)

Also, ich gebe zu, ich habe die Muskelmasse der Stiergenicke noch nicht mit der, der Hunde verglichen, trotzdem kommen mir schon starke Zweifel, dass das tatsächlich so ist, wenn ich mir den Hals des Chihuahuas meines Nachbarn anschaue.

Auch wenn das so wäre, die Natur ist nicht blöd, sie gibt Muskeln nur dort hin wo Muskeln gebraucht werden. Und um den Kopf oben halten zu können, brauchen Vierbeiner Muskeln am Genick, aber nicht an der Vorderseite des Halses. Wo wirken die Kräfte vom Halsband? Na? Richtig, vorne am Kehlkopf, der durch keine Muskeln geschützt ist! Auch nicht beim Rottweiler oder Cane Corso. Auch ein Mastiff oder Rhodesian Ridgeback hat dort nur dünne Haut und darunter lebenswichtige Blutgefäße und den hochempfindlichen Kehlkopf. Auch große Hunde spüren den Ruck oder Druck am Hals genauso unangenehm wie wir Menschen. Greifen Sie einmal sanft auf den Kehlkopf Ihres Hundes. Was spüren Sie? Kehlkopf! Keine Muskelmassen!

Da Ihr Hund Ihnen nicht sagen kann wie es sich anfühlt, wenn er in das Halsband läuft, probieren Sie es bei sich selber aus. Einmal das Halsband Ihres Hundes umgeben und dann fröhlich in die Leine laufen. Ohne zu wissen wann der Leinenhalter stoppt und dem Laufvergnügen ein jähes, unvorhersehbares Ende setzt. Oder sind sie eher der Abenteuertyp? Dann wählen Sie die Schleppleine, oder noch besser die Flexi und laufen Sie neben dem Rad her. Das wollen Sie lieber nicht? Glauben Sie mir, Ihr Hund unter diesen Voraussetzungen auch nicht.

Oder, ……Sie sind Ihrem Hund gewichtmäßig unterlegen und am Halsband ist er leichter zu halten?!

Tja, es sollte Ihnen klar sein, dass der Hund nicht an Kraft verliert, wenn er ein Halsband um bekommt! Das ist kein Zauberband.

Es kann ein Vorteil sein, wenn die Leine weiter vorne festgemacht ist, man kann den Hund leichter umlenken, wenn er nach vorne geht, aber das kann man auch erreichen, wenn man ein Brustgeschirr hat, das vorne an der Brust einen zweiten Ring hat.

Wenn ein Hund wirklich zu ziehen aufhört, weil ihn das Halsband würgt, dann ist es wirklich schon dramatisch. Da er den Zusammenhang zwischen Leine ziehen und Schmerz nicht herstellen kann, hört er erst auf, wenn es ihn wirklich beeinträchtigt. Wenn er nicht mehr genug Sauerstoff bekommt oder wirklich Schmerzen hat. Es gibt immer wieder Hunde, die nach einem Leinenruck ohnmächtig werden. Ohnmacht, oder ein kurzes Taumeln fallen sofort auf.  Die kleinen Schäden am Kehlkopf, Räuspern, Halsentzündungen, die immer stärker werden, weil der Hals auch keine Möglichkeit hat sich zu erholen und die Schmerzen an der Wirbelsäule, die

zu großen Problemen am Bewegungsapparat führen können und erst irgendwann viel später offensichtlich werden, werden meist nicht in Verbindung mit dem ständigen Druck und Würgen des Halsbandes gebracht.

Wenn man meint, dass man seinen Hund am Halsband besser unter Kontrolle hat, dann mag das richtig sein. Aber Fakt ist, es ist genau das: Kontrolle. Und keine Erziehung.

Rein aus physikalischer Sicht ist auch die bessere Kontrolle anzuzweifeln. Denn der Hund ist mit dem Halsband nur um den Hals gesichert. Mit dem Brustgeschirr an mehreren Stellen. Mit einem Griff in das Geschirr ist ein Hund viel schneller fixiert und aus der Situation genommen, wenn notwendig, als am Halsband.

Einen Hund am Halsband herumzurangieren ist wirklich unhöflich und respektlos. Wie würden Sie sich fühlen ständig herumgezogen und herumgeschubst zu werden?

Wenn Sie einen Trainer haben, der das Halsband als Erziehungsmittel einsetzt, rate ich Ihnen dringend einen anderen Trainer zu suchen, der sich mit der Lerntheorie auskennt und ein individuelles positives Training zusammenstellt. Einen Trainer, der ihnen zeigt, wie sie mit Ihrem Hund trainieren können und nicht wie Sie ihn kontrollieren müssen.

Glauben Sie Trainern nicht, nur weil sie sich Trainer nennen und jahrelange Erfahrung haben. Seien Sie empathisch. Bei Ihrem Hund, nicht bei gedanken- gewissen – und wissenslosen Trainern.

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch kurz zwei Anmerkungen machen:

  1. Ausnahmen bestätigen die Regel.
  2. Ein schlecht sitzendes Brustgeschirr ist auch nicht unbedingt besser als ein Halsband. (Informationen wie ein Geschirr sitzen soll findet man genug im Internet)

Und wenn sich jemand darüber lustig macht, dass Sie Ihren Pitbull oder Rottweiler am Brustgeschirr führen, dann seien Sie doch so stark und stehen Sie über den Dingen. Ihrem Hund zuliebe. Außerdem ist es ein großartiges Gefühl, wenn man einen 40 kg Hund am Brustgeschirr mit lockerer Leine freundschaftlich verbunden durchs Leben führen kann, weil er vertrauensvoll folgt und darauf vertraut, dass man ihm keinen Schmerz zufügt und nicht weil er Angst hat, dass es weh tut.

Versuchen Sie höflich aufzuklären, vielleicht hilft das einem anderen Hund, und wenn es unmöglich ist, dann gehen Sie lächelnd weiter und freuen Sie sich, dass Sie Ihrem Hund ein verständnisvoller und empathischer Freund sind. Seien Sie nicht der/die Stärkere, sondern der/die Klügere.

Ihr Hund wird es Ihnen danken!              

Mag. Susanna Kianek

Hundeschule hundefragen

2019-02-22T11:03:34+00:0022. Februar 2019|